Fünf des Tages – 02.07.2012

Da Kollege Jay ja so nett ist und sich der Posse um Verfassungschützer und braunen Sumpf widmet, hab ich an dieser Stelle etwas mehr Platz, um die Rosinen aus dem Kuchen zu picken. Los geht’s mit Meldungen des vergangenen Wochenendes, die eventuell im ganzen Trubel um milliardenschwere Rettungschirme,Verfassungsversager und rote Bestien untergegangen sind:

  • Wenn Opa und Oma zu Besetzern werden: Weil eine Freizeitstätte für Senioren in Pankow im Zuge der kommunalen Haushaltssanierung geschlossen worden soll, haben sich etwa 50 Männer und Frauen im Alter zwischen 70 und 90 kurzerhand dazu entschlossen, das Gebäude zu besetzen.                                                  “Seit vielen Monaten protestieren die Senioren schon gegen die Schließung. Der Bezirk hatte im Zuge der Haushaltsberatungen für die Jahre 2012 und 2013 beschlossen, den Seniorenklub im Pankower Ortsteil Niederschönhausen aufzugeben. Es gebe doch noch weitere Angebote für Senioren in der Gegend. Etwa 60 000 Euro ließen sich sparen, so lauteten die Begründungen. Die Senioren schimpften im Bezirksparlament laut über die Entscheidung der Verordneten, stundenlang saßen sie im Versammlungssaal des Bezirksparlaments in der Fröbelstraße, sie protestierten auf der Straße mit selbstgemalten Schildern und zogen als Demozug durch den Bezirk.”               Nun also griffen sie zum letztmöglichen Mittel. Nachdem die Verwaltungsangestellten des Bezirks ihnen nahegelegt hatten, sie könnten ja einfach in andere Einrichtungen gehen und somit auf eindrückliche Weise ihre menschliche Kompetenz bewiesen haben, haben sich die älteren Herren und Damen in ihrer Ohnmacht dazu entschlossen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Für sie geht es bei dieser Einrichtung nämlich nicht nur um ein paar läppische Euros, die sich einsparen lassen, sondern oftmals ganz direkt um den Mittelpunkt ihres sozialen Lebens:                                                                        “Am schlimmsten aber, so erzählen die aufgebrachten Senioren am Freitag, sei es für die alten Leute, dass die persönlichen Kontakte verloren gingen. „Da werden Freundschaften zerstört“, sagt Hermann Hering. „Wir haben ein Lebenswerk vollbracht und auch unseren Beitrag für die Gesellschaft geleistet“, sagt er. „Da haben wir doch wenigstens ein Recht auf würdiges Altern.“                                   Aber hey!, wir brauchen das Geld ganz dringend, um “systemrelevante Institutionen” zu stützen…
  • Die Soziologen haben ja ohnehin keinen leichten Stand – weder unter Wissenschaftlern, noch in der Bevölkerung. Eigentlich interessiert sich kaum einer für ihre Arbeit, andererseits werden sich von “richtigen Wissenschaftlern” gern belächelt. Klar, dass man sich da hin und wieder mal ins Gespräch bringen muss: Aufgrund der teils unsauberen Methodik und Vorgehensweise des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) hat der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Stephan Lessenich, die soziologischen Institute der deutschen Universitäten dazu aufgefordert, das kommende CHE-Hochschulranking zu boykottieren. Was zunächst wie ein nicht sonderlich subtiler Ruf nach Aufmerksamkeit wirkt, hat bei näherer Betrachtung durchaus seine Berechtigung – besonders, wenn man sich das CHE, und vor allem die dahinter steckende Bertelsmann-Stiftung genauer betrachtet. Diese entpuppt sich als wohl größter neoliberaler Think-(and-Lobby)-Tank Deutschlands und ist Brutstätte vieler “gesellschaftlicher Entwicklungskonzepte”, die uns viele soziale Verwürfnisse beschert haben. Ich kann an dieser Stelle nur jeden dazu ermutigen, sich ein wenig über die Einrichtung zu informieren und sich selbst eine Meinung über die politische Einflußnahme und soziale Reichweite der hier “vorgedachten” Maßnahmen zu bilden. Hier als Einstieg der Link zu einer Seite, die den bezeichnenden Namen BertelsmannKritik trägt.
  • Und wo wir uns gerade auf der Bühne der Wissenschaft befinden: Hier ein Artikel über eine der – meiner Meinung nach – bemerkenswertesten Sozialwissenschaftlerinnen der heutigen Zeit, Gabriella Coleman, und dem Ziel ihrer derzeitigen Forschungsbegierde: Anonymous. Anlässlich der TEDGlobal 2012 hielt die auch unter dem Namen Biella bekannte Anthropologin einen Vortrag über ihre bisherige Forschungserkenntnisse. Wer sich mal etwas näher mit der gesichtslosen Brut namens Anonymous befassen möchte, dem sei dieser Beitrag ans Herz gelegt. (Und wer danach auf den Geschmack gekommst ist: Die nevermo.re-Redaktion hat eine umfangreiche Link-Sammlung zum Thema – einfach nachfragen!)
  • Das Ende der EM – und vor allem das Abschneiden der tapferen DFB-Auswahl – kann ich dann doch nicht vollkommen unkommentiert lassen und habe mir diesen Kommentar aus der Süddeutschen als stellvertretenden Redebeitrag ausgesucht:                                                                                                        “Dennoch ist es ein respektloses Schauspiel, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm nun den Verliererstempel aufzudrücken. Selbst wenn sie bis zum Ende ihrer Laufbahn weder mit der Nationalmannschaft noch mit dem FC Bayern einen internationalen Titel gewinnen sollten, gehören sie dennoch zu den großen Spielern des deutschen Fußballs.”                                                                     Dabei belass ich’s dann auch – sonst wächst der Frust und die Verzweiflung gleich wieder an… ; )
  • Zum Abschluss noch der Verweis auf eine Kurz-Doku mit dem tragenden Titel Shock Doctrine, in dem der bekannte Regisseur Alfonso Cuaron das von Naomi Klein ausgearbeitete Konzept selbigen Namens pointiert zusammenfasst. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei Mrs. Kleins Buch bzw. die ausführliche Dokumentaton späteren Datums empfohlen.

Wer bis zum Ende durchgehalten hat – zur Belohnung gibt’s was zum knuddeln!

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